Genre: Fantasy

Leser: Junge Erwachsene und Erwachsene

Arbeitstitel: Kurz vor Paris

179 Normseiten, ca. 51.000 Wörter

 

Kurz vor Paris hatten wir eine Wespe im Auto. Flymo saß am Steuer und gab sich Mühe, auf der schnurgeraden, mit Bäumen gesäumten Straße nicht einzuschlafen. Eine der für Frankreichs Alleen berühmten Bodenwelle riss ihn aus seinem Dämmerzustand und er sah in einiger Entfernung eine runde Gestalt am Straßenrand stehen. Sie winkte.

Ich halte an,“ sagte Flymo.

Den Ton in seiner Stimme kannten wir. Widerspruch zwecklos.

Trotzdem bekundete ich meinen Protest mit einem Stöhnen.

Klappe, Stinker,“ sagte Flymo. „Wir haben Platz. Wir sind sozial. Wir halten an.“

So einfach war das. Ich bewunderte ihn dafür. Sein Denken und Handeln war so schnurgerade wie eine dieser endlosen Straßen. Man wusste immer, woran man mit ihm war. Kompliziert wurde es erst, wenn man ihm nicht zustimmte. Sein Fliegenhirn vergaß nichts und war deshalb schwer zu widerlegen.

Steig ein,“ sagte Flymo zu der gelbbraun gestreiften Figur, „ich bin Flymo, das ist Stinker und auf dem Rücksitz schläft Meiling.“

Er zeigte auf das bunte Bündel im Fond, das aussah wie ein Packen umeinander gewickelter Stoffbahnen.

Ich bin Wesp...Wespuccio,“ sagte die Wespe artig.

Das Zögern beim Nennen seines Namens führte ich auf einen Übersetzungsfehler des Translatorchips hinter meinem linken Ohr zurück.

Wo soll's denn hingehen, Wespuccio?“ brachte ich mich ein.

Auf die Inseln. Und ihr könnt mich Pucki nennen.“

Ein Junggeselle, der sich auf den Inseln amüsieren wollte. Warum nicht? Er nahm vorsichtig, um Meiling nicht zu wecken, auf dem Rücksitz Platz.

Ist jedenfalls besser als Stinker,“ grinste ich.


Das Integrationszentrum in Frankfurt wurde fünfzehn Jahre nach der Stunde Null gebaut. Durch das Gewicht der immensen menschlichen Überpopulation hatten sich die tektonischen Platten verschoben und haufenweise Erdbeben ausgelöst. Innerhalb von dreizehn Tagen flogen drei Atomkraftwerke in die Luft: in Japan, in Frankreich und im mittleren Westen Amerikas. Landkreise wurden ausgelöscht. Tierspezies verschwanden. Mutanten wurden erschaffen.

In alten Büchern war zu lesen: Und nichts wird überleben als Ratten und Kakerlaken. Für die eine Hälfte traf das zu. Etliche Insekten hatten Dank ihrer harten Chitinpanzer der Katastrophe standgehalten, waren jedoch wie viele andere mutiert. Es ist nicht leicht, ein Meter sechzig groß zu sein und statt mit leichtem Fleisch und beweglichen Muskeln mit einem schweren und starren Panzer der Schwerkraft trotzen zu müssen.

Alle mussten lernen, miteinander auszukommen.

Dem Menschen, der „Krone der Schöpfung“, fiel das besonders schwer. Die jahrhundertelang stolz gehütete Insignie brach sich einen Zacken nach dem anderen ab als feststand, dass Ameisen fleißiger, Kakerlaken widerstandsfähiger, Schmetterlinge anmutiger und Wespen liebevoller zu ihren Kindern waren als Menschen und diese es nicht mehr ignorieren konnten, weil ihnen die Wahrheit ins Auge sah.

Im Integrationszentrum konnte jeder für einen Nachmittag sein Selbst abstreifen und am eigenen Leib studieren, was es bedeutet, einer anderen Rasse anzugehören. Dort hatte ich gelernt, was es heißt, ein Insekt unter Menschen zu sein. Eine so tiefgreifende Erfahrung, dass manche sich danach krank melden mussten und intensiv psychologische Betreuung brauchten. Drei prägende Erkenntnisse und einen Alptraum nahm ich mit nach Hause:

1. Nicht nur die Rassen unterscheiden sich, sondern auch die Lebewesen innerhalb einer Rasse. Klar, jeder Mensch ist ein Individuum, aber jeder Regenwurm auch.

2. Das menschliche Gehirn braucht Schubladen, um geordnet zu funktionieren. Fliegen dagegen können mit ihren Facettenaugen nicht nur alles sehen, sondern parallel dazu auch alles denken – und zwar alles auf einmal. Knack, und wieder fällt ein Zacken aus der Krone, die mehr und mehr einem schmucklosen Reif gleicht, als feststeht, das wir nicht mal intelligenter als alle anderen sind.

3. Olfaktorisch rangieren Menschen am untersten Ende der Geruchskette. Autsch und knack.

Mein Alptraum sieht so aus: Ich bin eine menschliche Fliege, die der Fliegenklatsche zu entkommen versucht. Ich renne im Zickzack über eine riesige Ebene. Überall stehen drei Meter hohe Balken, an denen Quadratmetergroße, flache Lochplatten befestigt ist sind. Während ich verzweifelt über die Ebene hetze, sausen die Balken auf und nieder und versuchen, mich mit ihren gittergemusterten Plattenenden zu erschlagen. Ich wache schreiend und keuchend auf.

Zwei Wochen nach Frankfurt knabberte ich weiter an meinem Kulturschock. Ich kam spät heim, als ich von zwei jungen, angetrunkenen Rüsselkäfern überfallen wurde. Ich hatte meine Habseligkeiten in einer Tasche, auf der unvorsichtigerweise ein schäumendes Bier aufgedruckt war. Junge Rüsselkäfer sind ganz wild auf Alkohol und nach Genuss desselben nicht mehr ganz helle im Kopf und meine Beteuerungen, dass sei lediglich ein Bild, fruchteten nicht. Sie wurden wütend und fingen an, mich herum zu schubsen. Eine Fliege tauchte auf. Rüsselkäfer haben einen Heidenrespekt vor Fliegen.

Stinker, da bist du ja!“ rief die Fliege erfreut, legte den Arm um mich und zog mich mit sich. So lernte ich Flymo kennen. Seit eineinhalb Jahren ist er mein bester Freund. Wobei ich keine Ahnung habe, ob er tatsächlich männlich ist, wie ich sofort annahm und inzwischen wäre es ziemlich peinlich, danach zu fragen. Im Grunde ist es mir egal.

Vom Rücksitz des Wagens ertönte ein leises Zirpen. Flymo steuerte sofort die nächste Haltemöglichkeit an. Als der Wagen zum Stehen kam, stiegen Flymo und ich aus. Ich öffnete die Tür auf Meilings Seite. Vorsichtig hob ich das bunte Bündel aus seinem Sitz ins Freie. Langsam lockerte ich den Druck meiner Arme. Zwei sehr dünne Beine kamen zum Vorschein und tasteten auf dem Boden herum. Als sie Halt gefunden hatten, ließ ich los und trat zurück. Was jetzt folgte, jagte mir wie jedes Mal einen Schauer über den Rücken. Meiling drehte sich auf ihren dünnen Beinen mit dem Wind und entfaltete vorsichtig ihre Flügel. Als diese in all ihrer jetzt unzerknitterten Farbenpracht schillerten, drehte sie sich immer schneller, bis sie abhob. Sie flog über das vor uns liegende Feld, flog und hüpfte, sprang und wirbelte und ihre Flügel tanzten um sie herum wie bei einem überirdischen Schleiertanz. Als sie kaum noch zu sehen war, klappte ich den Mund wieder zu. Flymo hatte mich beobachtet und dabei das insektische Äquivalent eines wölfischen Grinsens aufgesetzt.

Arschloch,“ sagte ich, was ihn loskichern ließ. Zufrieden summte er einen alten Kinderreim vor sich hin: „Ei ei ei was seh' ich da, ein verliebtes Ehepaar.“

Ich ließ mich auf keine Diskussion ein. Wir hatten uns deswegen schon angeschrieen. Ich lenkte ab.

Pucki will auf die Inseln,“ sagte ich.

Von den fünf balearischen Inseln wurden die beiden kleinsten, Formentera und Cabrera, von den Tsunamis vor der spanischen Küste verschlungen. Die übrig gebliebenen, Mallorca, Menorca und Ibiza, wurden vom Weltrat für die Bedürfnisse der unter der Schwerkraft leidenden Insekten annektiert. Mit einer ausgeklügelten Technik, erheblichem finanziellen Aufwand und mir unerklärlicher Physik wurden auf den Inseln vor allem mittels Druckluft Levitationsfelder erschaffen. Dabei diente Ibiza wie schon in den alten Zeiten einer eher jugendlichen, betuchten Klientel als Partyplateau, Mallorca war für Familien und die ruhigeren Vertreter unter den Insektenurlaubern vorgesehen und Menorca stand für medizinische Zwecke zur Verfügung, wobei der Schwerpunkt auf Geburtskomplikationen lag.

Wir wollen nach Marseille,“ stellte Flymo fest. „Da liegen die Inseln so ziemlich auf dem Weg.“

Ist es unhöflich, ihn zu fragen, was er auf den Inseln will?“

Sie,“ sagte Flymo.

Sie?“ wiederholte ich erstaunt.

Sie hat sich bemüht, ihr Fell zu verwuscheln, aber die Streifen sind klar abegegrenzt. Also ja, sie.“

Was ist los, Jungs?“ Meiling kam von ihrem Hallo-Wach-Tanz zurück geschwebt.

Flymo hat einen Anhalter aufgegabelt.“

Typisch Flymo.“

Wir gingen zurück zum Auto. Ich klappte Meilings Rückenlehne zurück, um Platz für ihre Flügel zu schaffen.

Das ist Pucki,“ stellte ich ihr die Wespe vor. Und zu Flymo gewandt sagte ich leise: „Wir sprechen später weiter.“

Wieso hatte Pucki versucht, uns zu täuschen? Mir wäre nichts aufgefallen, ich war mir nicht mal bei meinem besten Freund der Geschlechtszugehörigkeit sicher. Und Fliegen sind hyperintelligent, jeder weiß, dass sie eine Lüge schnell durchschauen. Es blieb keine Zeit, mir darüber das Gehirn zu zermartern, denn der Verkehr so kurz vor Paris hatte zu genommen und erforderte unsere uneingeschränkte Aufmerksamkeit.


Es ist Flymos Idee gewesen, diese Reise zu unternehmen.

Alle Menschen kennen das Sprichwort „Rom sehen und sterben“. Die Fliegen hatten ein ähnliches. „Den Eifelturm rüsseln und die Flügel verlieren“ meinte, dass der unvergleichliche metallische Geschmack des Eisengestells jeden Verlust, sogar den der kostbaren Flügel, wettmachen konnte. Flymo hätte die Reise fliegend zurück legen können, hätte dafür aber Wochen gebraucht. Außerdem hatte er gerne Gesellschaft und für einen jungen Burschen wie mich wurde es höchste Zeit, ein bißchen was von der Welt zu sehen. Als Meiling, unsere Arbeitskollegin und Freundin, von unseren Plänen hörte, war sie sofort begeistert. Sie liebte den Geruch und den Geschmack von Lavendel. Wir nahmen jeder sechs Wochen Urlaub. Das war nicht schwer. Nach der Katastrophe machte das Beispiel der Insekten, dass man gemeinsam mehr erreicht, Schule. Die Menschen fingen an, in Kollektiven zu wohnen. Die Ursprungsidee von der Familie blieb erhalten, aber Familien waren nicht mehr notwenigerweise blutsverwandt. In Israel hatten sich dereinst mehrere Familien zusammen getan, um im Kibbuz zu arbeiten und zu leben. In Deutschland gab es damals sogenannte Kommunen, die allerdings im Alter begrenzt waren. Trau keinem über dreißig, oder so. In den heutigen Kollektiven lebten Menschen jeden Alters mit und ohne Verwandtschaftsgrad. Viele Kinder hatten ihre Eltern an die Strahlenkrankheit verloren, etliche Erwachsene konnten keine Kinder bekommen. Alte Menschen wussten vieles und konnten jüngeren ihr Wissen und Können beibringen. Und sie hatten größere Geduld mit den Mutanten. Kollektive tauschten ihre Mitglieder aus, das Denken wurde globaler, dank der Translatorchips gab es keine Sprachbarrieren mehr. Gute Arbeiter waren nach der Katastrophe durch die Weltentvölkerung und die Strahlenkrankheit Mangelware, nur wenige konnten sich eine lange und teure Ausbildung leisten. Tüchtige Werktätige wurden überall gesucht, gut bezahlt und gut behandelt, damit sie auf jeden Fall wieder kamen. Deshalb hielt sich die Begeisterung unserer Chefs über unseren Urlaub in Grenzen, wurde aber umgehend genehmigt. Wir drei legten zusammen, kauften von unserem Ersparten ein Auto und fuhren los

Im Wagen waren jetzt alle wach. Meiling unterhielt sich leise mit Pucki.

Noch zwanzig Kilometer bis Paris,“ sagte Flymo.

Wollen wir vorher nochmal anhalten und was essen?“ fragte Meiling. „Das ist billiger als in der Stadt und nahrhafter obendrein.“

Das Geld, das wir sparen, können wir für sinnlose Andenken verprassen,“ schlug ich vor. „Eifeltürme aus Plastik und Franzosenkäppchen aus kratzigem Polyester.“

Solange sie farblich zu meinen Streifen passen,“ kicherte Pucki. Dann fiel ihm/ihr wohl ein, dass sie als männlich unterwegs war und fügte ein affektiertes „Hui“ an.

Da vorne ist ein ,Schnellimbiss für alleʼ,“ Flymo zeigte auf ein gelbes Gebäude, das hinter einer Kurve auftauchte. Wie zur Bestätigung fing Meiling an zu summen, zeitgleich knurrte mein Magen laut und vernehmlich.

Wenigstens eure Verdauungstrakte sind sich einig,“ lachte Flymo.

Ein ,Schnellimbiss für alleʼbot fast sämtlichen Spezies die Möglichkeit, ihren Hunger zu stillen. In den Außenbereichen gab es eine Gartenabteilung, die den Nektartrinkern je nach Klasse des Lokals mehr oder weniger üppige Blumen und Pflanzen anboten. Wer es superschnell und superbillig wollte, konnte auch auf Nektar to go in Plastikflaschen zurück greifen. Den zähflüssigen Saft gab es in verschiedenen Geschmacksrichtungen und mit exotischen Namen wie Sommerwind und Winterchrysantheme, aber Meiling fand ihn weder nahrhaft noch besonders lecker.

Nach dem Zeug wird man glatt süchtig, weil viel zu viel Zucker drin ist,“ behauptete sie. „Dabei verhungert man während man isst, weil es kaum Nährstoffe enthält.“

Die Klasse der Gaststätte entschied auch über die Qualität der Abfälle, an der sich Resteesser wie Fliegen und Schaben gütlich tun konnten. Nachdem wir ausgestiegen waren, gingen Meiling und Pucki nach rechts, Flymo nach links und ich marschierte in das Gebäude hinein. Ich bestellte einen Burger mit Fritten und eine Limo und bedauerte für einen Moment, dass ich nicht genug Geld hatte, um mir eine echt französische Mahlzeit mit sieben Gängen zu leisten, savoir vivre inklusive. Ich nahm mein Tablett und setzte mich nach draußen. Die Sonne schien, es war warm und ein angenehmes Urlaubsgefühl machte sich in mir breit. Meiling setzte sich als Erste zu mir, angelte sich meine Serviette vom Tablett und wischte sich die feuchtglänzenden Mundwinkel ab.

Hier ist es so warm, dass sie bereits Sommerflieder haben. Ich stehe auf Sommerflieder!“ Sie leckte sich genießerisch die Lippen. Sie beugte sich zu mir und flüsterte verschwörerisch: „Irgendwas stimmt mit Pucki nicht!“

Flymo sagt, Pucki ist kein Er. Er ist eine sie.“

Ich weiß, aber das meine ich nicht. Entweder ist sie krank oder auf der Flucht oder beides. Sie isst viel zu schnell und zu viel.“

Pucki kam zeitgleich mit Flymo bei unserem Tisch an. Aus Rücksicht setzte sich Flymo etwas abseits, da er nach seiner Mahlzeit für gewöhnlich ein wenig nach Müll müffelte. Ich mampfte meine letzten Pommes, musterte die Wespe aus dem Augenwinkel und hoffte, dass sie uns keinen Ärger machen würde.


Gemischtrassige Freundschaften waren gerade unter jungen Leuten nichts seltenes. Wir waren mit dem Anblick von menschengroßen Insekten aufgewachsen und erschraken höchstens, wenn wir im Dunkeln einem Hirschkäfer begegneten. Ihr Aussehen sagte nichts über ihr Wesen und ihren Charakter aus. Der Muskelprotz in der Schule, der sämtliche Sportwettkämpfe gewinnt, kann trotzdem ein Weichei sein und bei sentimentalen Filmen rührselig schluchzen.

Es gab jedoch sowohl bei den Menschen als auch bei den Insekten Strömungen, die antirassistisch waren und die strikte Trennung verschiedener Lebensformen forderten.

Es gab ganze Landstriche, die nur von einer Art der Population bewohnt wurde. Fremde wurden dort nicht gerne gesehen und an einen längeren Aufenthalt war nicht zu denken. Es gab sogar ganz radikale Gruppierungen, die sich den Translatorchip entfernen ließen und forderten, dass sämtliche Ressourcen allein der jeweiligen Ethnik zugute kamen. Darüber wurde nicht immer mit friedlichen Mitteln diskutiert. Insekten waren stärker und härter im Nehmen, ihr unwiederlegbares Argument gegen die Vorherrschaft der Menschen war ihre eigene Form der Existenz. Menschen waren geschickter, schneller und hatten oponierbare Daumen, die sich hervorragend für den Einsatz von Waffen eigneten. Allerdings fand ich persönlich ihr ausgelutschtes Argument, Menschen seien schon immer die von Gott vorgesehenen Herrscher der Welt, ein wenig fadenscheinig. Man konnte nur zu deutlich sehen, wohin es uns gebracht hatte.

Die meisten Lebewesen versuchten eine friedliche Koexistenz. Die Welt musste wieder aufgebaut werden. Und die Insekten leisteten hierbei einen innovativen und umweltschonenden Beitrag. Ich war, wie die meisten anderen jungen Leute, sehr neugierig auf originelle Erfahrungen. Die Erkenntnisse und Ansichten eines Insekts aus erster Hand vermittelt zu bekommen war etwas Neues.

Flymo hatte mich vor den Rüsselkäfern gerettet, was mir imponiert hatte. Aber mein bester Freund war er, weil ich mich auf ihn verlassen konnte. Er sagte mir die Wahrheit, auch wenn es für uns beide unangenehm war, wie beim Thema Meiling. Er hatte Eigenschaften, die ich mit den Rittern aus meinen Kinderbüchern in Verbindung brachte und für längst ausgestorben erachtet hatte. Manchmal versuchte ich mir vorzustellen, wie Flymo wohl in einer Rüstung aussah. Ich kicherte vor mich hin. Pucki musterte mich.

Stinker träumt mal wieder,“ erklärte Flymo und zerzauste mir freundschaftlich mit einem Fühler das Haar. „Konzentration ist, wie wir alle wissen, keine menschengegebene Eigenschaft.“

Er hatte Recht. Obwohl Fliegen mit erheblich mehr Sinneseindrücken bombadiert werden als Menschen (Facettenaugen!), ist ihre geistige Fähigkeit, unwichtiges auszublenden und sich auf wesentliches zu konzentrieren, viel größer. Menschen können bei entsprechendem Willensaufwand ebenfalls sehr zielorientiert denken und handeln, verbrauchen dabei aber sehr viel Energie und halten nicht lange durch. Und sind sehr leicht ablenkbar. Hunger, Pipi, Kalt, so sind Menschen halt.

Und du, Pucki? Wo kommst du her?“, versuchte ich von mir abzulenken.

Geboren wurde ich in Schweden, in einer der Nordos – Gruppen.“

Wir drei stöhnten unisono auf. Die Nordos gab es auf dem ganzen Erdball verteilt. Sie waren ultraorthodox-radikale Gegner der Gemeinschaftstheorie. Verschiedene Rassen bildeten verschiedene Gruppen, die nicht einmal untereinander miteinander zu tun hatten. Die angeblich gewählten Führer traten bei Problemen und politischen Diskussionen miteinander in Verbindung, ansonsten blieb jede Rasse strikt für sich. Nordos-Gruppen gleicher Rassen konnten problemlos Kontakt halten und taten dies auch eifrig, besonders zur Zeit der Geschlechtsreife ihrer Jugendlichen, um den Genpool in Schwung zu halten. Aber sie fielen unangenehm auf durch die Veröffentlichung von ,wissenschaftlichenʼUntersuchungen, die ,bewiesenʼ, dass durch die Vermischung der Rassen jede einzelne letztendlich zum Degenerieren verdammt war. Bisher wurde jedes Mal aufgedeckt, dass ihre Fotos und Filmchen von lebensuntauglichen Schabenrüsselkäfern und Nachtfalterwürmern gefälscht waren. In einem Livebericht über einen Schmetterlingsmenschen fiel diesem vor laufender Kamera ein schlecht angeklebter Flügel auf den Boden. Aber das hielt sie nicht davon ab, ihre Hetzpropaganda zu verbreiten. Zugegeben, das Zusammenleben der Rassen brachte Herausforderungen jeglicher Couleur mit sich, auch Probleme sexueller Natur. Aber auf die Art der Nordos konnten sie nicht gelöst werden.

Dann müssen wir dir ja ziemlich seltsam vorkommen,“ sagte Meiling.

Eigentlich nicht. Eigentlich ist es so, wie ich es mir vorgestellt habe. Relativ normal eben.“ Pucki hob in einer hilflosen Geste die Hände. „Klar ist mein Hirn vollgestopft mit Antipropaganda. Aber deshalb bin ich dort weg. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, ob es ist, wie sie sagen.“

Und?“ fragte Flymo. „Ist es so?“

Ja und nein. Wo mehrere Lebewesen zusammen ihr Dasein bestreiten, gibt es Probleme, die geregelt werden müssen. Und es gibt Probleme, die andere, größere Prbleme nach sich ziehen können, wie eben die Vermischung der Rassen. Aber ich denke nicht, dass Schwierigkeiten durch Dogmatismus gelöst werden.“

Auch nicht, indem man sich freiwillig eingrenzt.“ Meiling schüttelte sich. Der bunte Staub ihrer Flügel rieselte auf uns herab wie farbiger Schnee.

Oder andere ausgrenzt,“ sagte ich. „ Ich habe gelesen, dass es in den 1980er Jahren unter den Menschen eine Seuche gab. Um sie einzugrenzen, hat man überlegt, ob man die befallenen Menschen in eine Art Internierungslager steckt. Dieses Projekt wurde als unethisch verworfen.“

Sogar die Unmenschlichkeit der Menschen, die sich im Zwischenmenschlichen und Zwischenrassischen schon so einiges geleistet haben, hat also Grenzen.“ Flymo wiegte den Kopf hin und her.

Die Nordos zu verlassen heißt eigentlich, dass du deine Familie und alle deine Freunde verloren hast,“ sagte Meiling.

Puckis Augen begannen wässrig zu glänzen.

Stimmt,“ sagte er, „ aber mir blieb nichts anderes übrig. Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten.“

Meiling rutschte dicht an Pucki heran und wickelte einen Flügel um den pummeligen Leib.

Bleib erstmal bei uns,“ sagte sie.

Pucki brummte zustimmend. Meiling ließ Pucki los, kletterte auf den Tisch und flatterte wild mit den Flügeln. Der Flügelstaub rieselte auf uns herab, bis wir aussahen wie Jackson-Pollock-Gemälde.

Schmetterlingsstaub macht glücklich,“ rief sie und tanzte auf dem Tisch hin und her. Sie hatte Recht. Irgendwie machte das Leben mehr Spaß, wenn man in bunten Staub gehüllt war. Kichernd liefen wir zum Auto und stiegen ein, ohne die farbige Pracht von uns abzuklopfen.



Im Zentrum von Paris wurde der Verkehr mörderisch. Die Franzosen konnten bestimmt alles mögliche, vom Baguette backen übers guillotinieren bis zum Mode kreieren, aber Auto fahren zählte nicht dazu. Die Straßen waren riesig breit und uns kam es vor, als fahre jeder da, wo er es als richtig empfand. Die Hupe wurde vom Warnsignal zum Kommunikationsmittel befördert, und so herrschte auf der Straße nicht nur das reinste Chaos, sondern auch ein Höllenlärm. Zum Glück für uns alle fuhr Flymo, dessen Rundum-Wahrnehmsystem besser ausgerüstet war als unsere und der deshalb schwer aus der Ruhe zu bringen war. Er wich geschickt den von rechts und links auf uns eindrängenden Autos aus, behielt die Spur bei, so gut es ging und fuhr das Auto schließlich, nachdem wir von weitem einen ersten Blick auf den Arc de Triomph erhascht hatten, in eine ruhigere Seitenstraße. Nach drei weiteren Querstraßen fuhren wir an unserem ,Hôtel pour tousʼvorbei und Flymo quetschte den Wagen in eine kleine Parklücke auf dem winzigen Hotelparkplatz.

Wir drei stiegen aus. Pucki blieb sitzen und guckte betreten.

Werdet ihr hier übernachten?“ fragte er unglücklich.

Ja,“ sagte Flymo, „wir haben extra reserviert.“

Ich habe kein Geld,“ sagte Pucki.

Ich weiß,“ sagte Flymo. „Betrachte dich als eingeladen.“

Aber äh mhh..,“ machte Pucki.

Glaubst du, wir können schlafen, wenn wir wissen, dass du im Auto übernachten musst?“ Flymo war geschickt.

Danke,“ sagte Pucki und stieg aus. Seine gelben Bäckchen waren tieforange.

Als wir eintraten, versteckte sich Meiling augenblicklich hinter mir und ich sah gleich, warum. Der Rezeptionist war ein Regenwurm. Regenwürmer sind auch mir ein bisschen unheimlich, weil es echt schwierig ist, ihnen in die Augen zu sehen. Sie sind von der gleichen weißlich bis hellbraunen Farbe wie der Rest des ganzen Kerls und zudem in einer Segmentfalte verborgen, die sich auch mal plötzlich bis zum Extremen auseinander schieben kann. Es ist schwer, die Nerven zu behalten und nicht unhöflich zusammen zu zucken, wenn auf einmal nur zwei riesige bleiche Scheinwerfer zu sehen sind. Obwohl es manchen Würmern Spaß zu machen scheint, ihre Umgebung in Angst und Schrecken zu versetzen. Da sie das Tageslicht nicht mögen, trifft man sie jedoch selten. Meilings Rasse hatte ihre besonderen Probleme mit Regenwürmern. Deren bevorzugte Delikatesse bestand im Verspeisen toter Falter, wobei gemunkelt wurde, dass Regenwürmer, um in den Genuss ihrer Leibspeise zu gelangen, dem gewünschten Zustand ihrer Nahrungsquelle gerne mal nachhalfen.

Wen haben wir denn da?“ fragte der Regenwurm mit rauher Stimme.

Und guckte seltsamerweise Pucki an. Flymo schob Pucki so dicht hinter sich wie er konnte. Wir mussten ein seltsames Bild bieten. Meiling, die sich hinter mir versteckte und Pucki, die fast in Flymos Rückseite kroch.

Wir haben reserviert,“ sagte Flymo ohne sich irritieren zu lassen.

Drei-Bett-Zimmer,“ sagte der Regenwurm, der seine Segmente rechts zusammen- und links auseinanderschob, um einen Blick auf den versteckten Pucki zu erhaschen.

Jetzt Vier-Bett,“ sagte Flymo.

Dann ist es aber hinten raus,“ murmelte der Regenwurm, ohne einen Blick in seine Bücher geworfen zu haben.

Okay,“ sagte Flymo. Er reichte dem Wurm ein Bündel Geldscheine. Der Wurm legte einen großen, altmodischen Zimmerschlüssel mit Bart auf den Tresen.

Die Treppe rauf, erster Stock, links,“ sagte er. Und während Flymo nach vorne trat, um nach den Schlüssel zu greifen, schraubte sich der Wurm rasant in die Höhe, schnellte nach vorne und glotzte über Flymo hinweg auf Pucki.

Schönen Aufenthalt noch,“ sagte er schleimig mitten in Puckis erschrockenes Gesicht und zog sich wieder zusammen. Eng aneinander gedrängt eilten wir die Treppe hinauf ins Zimmer und schlugen die Tür zu.

War das seltsam?“ fragte ich.

Und wie,“ antwortete Meiling.

Seltsam ist gar kein Ausdruck,“ fügte Flymo hinzu. Nur Pucki sagte nichts.

Wir zwei beide dürfen auf keinen Fall tot umfallen,“ sagte Meiling zu Pucki gewandt. „Sonst verschwinden wir spurlos.“

Pucki seufzte. „Ich habe nicht vor, umzufallen,“ sagte er. „Weder tot noch lebendig.“

Wir machen uns frisch, dann sehen wir uns die Stadt an,“ sagte ich. „Wenn der seltsame Wurm heute abend noch da ist, können wir uns überlegen, ob wir gleich weiter fahren oder uns morgen ein anderes Hotel suchen.“

Auf dem Weg durch die Stadt flog Flymo immer wieder weit vor uns her. Wohin wir zuerst gehen würden war keine Frage. Er war nicht das einzige Insekt seiner Gattung, das so aufgeregt dem Eiffelturm zu strebte. Wir brauchten niemanden nach dem Weg zu fragen. Die Straßen zum Wahrzeichen waren schwarz vor enthusiastischen Fliegen, die wie von einem Magnet angezogen in die selbe Richtung strebten. Meiling kicherte glücklich vor sich hin und auch ich grinste breit. Flymo so unbeherrscht zu sehen, war ein außergewöhnliches Spektakel. Wir rannten giggelnd hinter ihm her und zogen Pucki mit.

Um den Platz vor dem Eiffelturm waren lange Metallgitter angebracht, die wie die Speichen eines Rades zum Mittelpunkt wiesen. Die Fliegen lösten ein Ticket und reihten sich in die Schlangen ein, die der Nabe zustrebten, dem Eiffelturm, dem Objekt ihrer Begierde. Es herrschte ein ohrenbetäubendes Summen. Waren sie endlich an einem der vier Füße des Eiffelturms angelangt (wobei der von der Seine aus gesehene rechte vordere aus einem mir nicht bekannten Grund der begehrteste zu sein schien, denn dort war die Schlange am längsten), richteten sie sich zu voller Größe auf und umklammerten das Metall, als wollten sie es begatten. In Wahrheit wollten sie von ihrer Körperoberfläche so viel wie möglich mit dem Metall in Kontakt bringen, damit dessen Krofam in sie eindringen konnte. Krofam, so hatte mir Flymo erklärt, waren Geruch, Geschmack, Partikelteilchen, Aura, eben das ganze Sein des Stahlträgers des Eiffelturms. Irgendwie kam mir dabei der schwarze Stein der Kabbala in Mekka in Erinnerung, über den ich gelesen hatte. Oder die Quellen von Lourdes. Ich war nicht religiös, Flymo eigentlich auch nicht, aber gegen die mystische Kraft des Krofam schien er sich nicht wehren zu können.

Wir drei drängelten uns durch die schwarzen Leiber. Direkt unter dem Eiffelturm ließ die Fliegendichte nach. Ich hätte auch gerne einmal das Metall berührt, vielleicht wurde ich so gekrofamt, dass sich mir ganz neue Wege des Seins erschlossen, aber wir entschieden, unser mageres Budget nicht für eine Fahrt mit dem Aufzug nach oben auszugeben. Der übrigens für Fliegen verboten war. Anscheinend war man der Meinung, dass vom Krofam heimgesuchte Fliegen keine weiteren Vergnügungen wie die einer Rundumsicht brauchten. Wir suchten uns ein Plätzchen am Seine-Ufer, wo wir uns niederliessen, um auf Flymo zu warten.

Als er endlich kam, sah er aus wie immer. Ich versuchte trotzdem, ihn zu necken.

Willkommen zurück, eure Heiligkeit,“ sagte ich.

Geschmacklos,“ brummte er und setzte sich genervt in Bewegung. Die nächste Station unserer Tour war für mich bestimmt. Ich wollte unbedingt die Seerosenbilder von Monet im Musée d'Orsay im Original sehen. Die anderen waren an musealer Kunst eher weniger interessiert und wir machten aus, uns eine Stunde später in einem Café zu treffen.

Meine Mutter hatte die Seerosenbilder von Monet bei einer Ausstellung in Deutschland gesehen und sich sofort verliebt.

Es gibt keinen Druck, der dem Original gerecht wird,“ hatte sie gesagt. In jeder Buchhandlung mit Kunstabteilung hatte sie sich auf die Bücher mit Bildern von Monet gestürzt, um dann bestürzt fest zu stellen, dass es wieder keine Fotografie gab, die dem farblichen Duktus der Seerosen entsprach.

Eines Tages fahren wir zusammen nach Paris und gucken uns die Bilder an,“ hatte sie immer gesagt. Auch dann noch, als sie wusste, dass sie die Strahlenkrankheit nicht überleben würde. Die Seerosenbilder waren mein Krofam. Ich stand vor diesen riesigen, wunderbaren Gemälden und konnte die darin eingefangene Sonne fast spüren. Die übereinander gelegten Farbschichten liessen das Bild von innen heraus leuchten, als habe es unter der sichtbaren Oberfläche ein geheimes Leben, von dessen Existenz mir nur ein unwirklicher Schimmer kündete. Meine Mutter hatte Recht. Kein einziges Foto, und ich hatte im Laufe meines Lebens etliche davon gesehen, wurde den originären Bildern gerecht. Ich lächelte und dann rollten mir zwei dicke Tränen die Wangen hinab. In der Kommune, in der ich aufgewachsen war, hatte es mir an nichts gefehlt. Meine körperlichen Bedürfnisse wurden vor denen der Erwachsenen bedient, da Kinder Mangelware waren und es nicht mehr einfach war, gesunde Exemplare zu produzieren. Ich wurde oft genug in den Arm genommen und von mit Kinderlosigkeit geschlagenen Menschen mit Zuneigung überhäuft. Aber manchmal fragte ich mich doch, wie es wohl gewesen wäre, in einer traditionellen Familieneinheit aufzuwachsen. Ich vermisste meine Mutter. Ich bereute es, den kleinen, luftdichten Plastikbeutel, in dem ich ihren zuletzt getragenen Pullover aufbewahrte, in der Kommune gelassen zu haben. Als Kind hatte ich, wenn mich der Kummer überwältigte, einen winzigen Spalt geöffnet und daran gerochen.

Als ich zum Ausgang kam, fühlte ich mich benommen. Jetzt tat mir meine blöde Bemerkung zu Flymo leid. Am Ausgang wurden Postkarten verkauft und ich nahm welche, wohl wissend, dass sie den Originalen nicht gewachsen waren. Aber ich wollte einen sichtbaren Beweis haben, dass ich diese Reise gemacht und meiner Mutter gedacht hatte.

Draußen war schönes Wetter und ich beeilte mich, zum Café zu kommen. In einem Hauseingang stand eine Wespe. Sie bemühte sich so verzweifelt, nicht aufzufallen, dass sie mir direkt ins Auge stach. Ich blieb stehen und tat, als betrachtete ich die Postkarten in meiner Hand. Die Wespe starrte die Straße hinauf und summte leise. Das taten sie immer, wenn sie sich sehr konzentrierten. Ich folgte ihrem Blick. Am Ende der Straße war das Café, in dem wir uns verabredet hatten. Auf dem Gehsteig waren Tische und Stühle plaziert, zwei oder drei Sonnenschirme warfen ihre farbigen Streifen auf den Asphalt. Das Café war gut besucht, in Frankreich gehörte es schließlich zum guten Ton, wenigstens einmal am Tag in seinem Stammlokal einzulaufen. Ich konnte sehen, dass meine Freunde draußen saßen. Gerade warf Meiling den Kopf zurück und lachte über etwas, das Pucki gesagt hatte. Ich blickte zu der Wespe im Hauseingang. Ich hatte das Gefühl, sie starrte direkt zum Tisch meiner Freunde. So unauffällig wie möglich schlich ich mich an der Wand entlang zum Hauseingang vor, in dem die Wespe stand und zitternd wie ein Spanner glotzte. Sie war so konzentriert, dass sie meine Anwesenheit nicht mal dann roch, als ich schon einen ganzen Moment neben ihr stand.

Ich beugte mich vor.

Die Wespe glotzte weiter und zitterte wie Espenlaub.

Spanner,“ schrie ich so laut ich konnte in ihr Fell, dort, wo die Gehörmuscheln saßen.

Sie hatte nicht einmal Gelegenheit, sich zu mir um zu drehen, sondern fiel sofort mit dem Gesicht voran auf das Trottoir. Ich streckte den Arm aus, krallte meine Hand in ihr Rückenfell und milderte so den Sturz etwas ab. Tja, gegen Schallwellen ist kein Insekt immun.

Die Wespe kam sofort wieder zu sich. Sie summte bedrohlich, dann drehte sie sich auf dem Gehsteig liegend einmal um sich selbst, kam auf die Füße und flüchtete halb laufend, halb fliegend. Ich fing an zu lachen. Es war einfach zu komisch gewesen, wie sie kommentarlos den Bürgersteig geküsst hatte. Mist, ich hatte sie noch fragen wollen, was sie da so intensiv beäugt hatte, aber dafür war es zu spät. Wenigstens hatte sie mich von meinem Kummer abgelenkt.

Gut gelaunt kam ich bei meinen Freunden an. Ich bestellte einen Café au lait und zeigte ihnen meine frisch erworbenen Postkarten.

Hätte nicht gedacht, dass du so gut gelaunt hier einläufst,“ sagte Flymo. Ich hatte selten die Gelegenheit, ihn mit meinem Verhalten zu verblüffen. Ich hatte ihm schon mal Fähigkeiten wie Hellsehen und Gedanken lesen angedichtet, was er aus mir unbekannten Gründen beleidigend fand. Er sagte, seine Fähigkeiten seien absolut rational und naturwissenschaftlich zu erklären. Da eine Fliege fähig sei, mit ihren Augen fast alles zu sehen, und zwar fast alles auf einmal, habe sie auch das geistige Äquivalent dazu geliefert bekommen, das darin besteht, zeitgleich alles zu denken. Während ich also noch überlege, wie ich auf etwas reagieren soll, hat Flymo in der gleichen Zeitspanne alle Möglichkeiten, wie ich reagieren könnte, durchgespielt und ist deshalb kaum zu überraschen. Bei einem Menschen würden dabei sofort buchstäblich alle Sicherungen durchbrennen. Menschen und Fliegen sind wie die unterschiedlichen Objektive an einer Kamera. Wir Menschen können weiter in die Zukunft denken, was auf Kosten der Brennweite geht. Fliegen haben eine größere Brennweite und weniger Tiefenschärfe. Oder so ähnlich. Flymo findet meine Beispiele stets sehr amüsant.

Du hast Recht, ich war verstört, wegen der Bilder und meiner Mutter. Aber auf dem Weg hierher ist mir was saukomisches passiert.“

Ich erzählte ihnen von der Wespe und ihrem verschrobenen Verhalten. Meiling und ich lachten. Flymo und Pucki nicht. Flymo stand dann ziemlich schnell auf und bestand darauf, die Pause abzubrechen und die nächste Station unserer Reise aufzusuchen. Meiling hatte sich diese Etappe gewünscht, dennn sie wollte die prächtige Blütenvielfalt sehen, für die der Park berühmt war.

Bis zum Jardin du Luxembourg mussten wir wenige Minuten gehen und genossen dabei die nachmittäglichen Strahlen der Sonne. Der Winter war sehr kalt und ungewöhnlich lang gewesen. Alle Lebewesen waren süchtig nach ein paar Wärmeeinheiten, die nicht aus künstlicher Quelle stammten. Dementsprechend voll war der Park. Ich freute mich über den Anblick der Pariser Menschenmädchen, die hier entlang flanierten. Sie unterschieden sich deutlich von den Touristen. Die Modezeitschriften hatten Recht. Auch nach dem Untergang galt die Pariserin als bestangezogenste Frau der Welt. Und ich erquickte mein Auge mit ihrem Anblick. Meiling schien sich daran nicht zu stören. Sie lief bereits auf die Beete zu, die den Rasen einfassten. Dann sahen wir die Schilder, die diskret am Rand eingelassen waren. ,Pas de Piquniquesʼ,No Picnicsʼund seltsame Runen, die ich nach einem Moment des Rätselratens als Skarabäus-Hieroglyphen identifizierte. Und unter allen war ein durchgestrichenes Insekt abegebildet. Meiling sah enttäuscht und niedergeschlagen zu uns herüber. Ein Mann in Uniform kam näher und erklärte, dass das Genussverbot nur in diesem Teil des Gartens gelte. In allen anderen Sektionen sei das Kosten der Blumen sehr erwünscht. Man hoffe danach auf ein Feedback, um die Qualität der Rabatten ständig zu verbessern. Er sprach Französisch, aber das war für unsere Translatorchips kein Problem. Meiling und Pucki hüpften vergnügt in die Richtung, in die er gedeutet hatte. Flymo und ich spazierten gemütlich hinterher. Ich genoss den Anblick des Gartens. So viele Kunstbilder waren hier entstanden. Ich war dankbar, dass die Lebewesen sich nach dem Weltuntergang darum bemüht hatten, kostbare Dinge zu erhalten oder wieder auf zu bauen.

Der Anblick von Meiling, die wie ein angestochener Luftballon von einer Blüte zur nächsten flitzte und mit größtmöglicher Geschwindigkeit den Rüssel eintauchte und saugte erinnerte mich ein bisschen an eine Schwerstalkoholikerin kurz nach dem Rückfall. Andererseits war es total niedlich, dass irgend etwas sie in diesen Begeisterungstaumel versetzen konnte. Die anderen Teilnehmer der Nektarorgie verhielten sich ebenfalls wenig dezent. Ein schlürfendes Schmatzen ertönte allenthalben und ein süßer Duft schien die zuckergeschwängerte Luft leichter in die Lungen gleiten zu lassen. Flymo und ich grinsten uns an. Wir gingen weiter, damit sich die Mädels ungestört betrinken konnten.

Die zwei sehen aus wie auf Drogen,“ sagte ich lachend.

Flymo lotste mich einen Pfad entlang und auf einmal waren wir allein. Der Wind rauschte durch die Blätter und die Sonne warf psychedelische Schatten auf den Boden.

Hier stimmt etwas ganz und gar nicht.“ Flymo wirkte aufrichtig besorgt.

Trotz meiner heiteren Gelassenheit schaltete ich ziemlich schnell.

Pucki? Meiling hat auch schon festgestellt, dass mit ihr was nicht stimmt.“

Füge mal die merkwürdigen Dinge, die uns heute passiert sind, zusammen.“

Wenn man so mit der Nase drauf gestoßen wurde, dauerte es selbst bei mir nicht lange, bis ich die Fakten vor mir sah.

Du meinst, der Portierwurm und die Wespe haben beide was mit Pucki zu tun?“

Wie viele merkwürdige Dinge im Sinne von absonderlich sind uns denn vor dem Auftauchen der Wespe passiert?“

Du hast Recht, das ist schon unheimlich. Vielleicht sollten wir die Tour für heute Abend absagen.“

Vielleicht sollten wir das. Ich würde Pucki ungerne alleine im Hotelzimmer lassen, denn eine Karte für sie kriegen wir bestimmt nicht mehr.“

Wir hatten uns ein ganz spezielles Abendprogramm einfallen lassen. Um zwanzig Uhr begann eine der berühmt–berüchtigten Katakombentouren durch die unterirdischen Gänge von Paris.

Mord ist mein Hobby. Ich lese gerne Thriller und Krimis, interessiere mich für Gothic, Punk, Vampire und alles was düster und unheimlich ist. Als ob die Welt nicht schlimm genug wäre. Flymo nennt mich gerne ,Gruftiʼ, auch wenn ich ihn mehrfach darauf hingewiesen habe, dass das ein alter Ausdruck für einen alten Menschen ist. Ach ja, und Fotografien von Friedhöfen haben es mir angetan. Leider konnte sich jeder nur ein Projekt für den Tag aussuchen. Also habe ich den Friedhof in unsere gemeinsame Abendveranstaltung quasi integriert. Seltsamerweise hatten weder Meiling noch Flymo etwas dagegen einzuwenden. Im Gegenteil, sie fanden es genauso spannend wie ich. Friedhof am Tag – Nein. Friedhof bei Nacht – Ja. Versteh einer die Insekten. Leider würde dieser Höhepunkt wohl wegfallen. Wir konnten Pucki nicht alleine lassen. Aber den Plan einfach aufgeben wollte ich auch nicht.

Wir gehen zum Treffpunkt, sehen, ob sie Pucki herein lassen und wenn nicht, lassen wir die Party sausen.“

Ich habe ein ungutes Gefühl bei der Sache,“ sagte Flymo. „Aber ich weiss, wie scharf du auf diese Katakomben bist. Deshalb...“

In dem Moment kamen Meiling und Pucki auf uns zu.

Wie ein Wettkampfmoderator stellte ich mich breitbeinig auf, hielt die Faust als Mikrofonersatz vor den Mund und intonierte: „Ladys und Gentlemen, hier taumelt sie auf uns zu, die Blüte der westlichen Hemisphäre, die Zierde der Zivilisation. Sie geht vorne über gebeugt, denn sie hat schwer zu schleppen an ihrem dick gefutterten Ranzen. Ihre Silhouette ist zweimal so breit wie noch vor einer Stunde, sie wirft ihren überdimensionierten Schatten auf diesen Moderator, sie beugt sich über ihn und jetzt fallen fallen aaaaahrrgghh autsch....“ Ich wimmerte vor mich hin, denn Meiling hatte sich ohne Umschweife auf mich geworfen und nahm mich jetzt breitbeinig in den Schwitzkasten.

Mädel,“ sagte ich uncharmant, „du wiegst mindestens doppelt so viel wie...“

Ein jaulendes Ächzen entfleuchte meiner Luftröhre, denn sie fing an, auf und nieder zu hoppeln. Außer das es mir die Luft aus den Lungen haute, konnte ich dieses Gehopse auch aus ganz anderen Gründen nicht aushalten.

Flymo!“ keuchte ich. Und da war er auch schon und schubste Meiling von mir herunter.

Danke Kumpel,“ sagte ich.

Er bedeckte blitzschnell mit dem Fühler sein Auge und nahm ihn genauso schnell herunter. Für ihn war es der gleichwertige Ersatz für ein menschliches Zwinkern. Ich lachte.

Worüber habt ihr geredet?“ fragte Meiling, die sich bäuchlings ins Gras geworfen hatte. Pucki lag neben ihr, ebenfalls bäuchlings und schaukelte über ihren runden Wanst von rechts nach links. Es dauerte ewig, bis sie zurück schwang.

Wir haben über unser Abendprogramm nachgedacht,“ sagte ich.

Nehmt auf mich keine Rücksicht,“ keuchte Pucki und ihre Stimme schwang hin und her. „Ich bin so vollgefressen, dass ich mit einem Still-vor-mich-hin-liegen im Hotel vollkommen zufrieden bin.“

Flymo und ich wechselten einen Blick.

Wir befassen uns nicht mit Körperumfängen,“ näselte ich. „Wir machen eine Führung durch die Katakomben.“

Geil!“ stöhnte Pucki. Wieso waren alle Insekten so angetan von der Unterwelt?

Wir gehen zu dem Treffpunkt und sehen zu, dass wir noch eine Karte für dich kriegen. Wenn nicht, veranstalten wir ein gemeinsames Nacktbaden in der Seine.“

Oder im Brunnen auf der Place de la Concorde, damit möglichst viel Öffentlichkeit unter unserem Anblick leidet!“ Flymo wirkte angetan.

Ich mache alles mit,“ ächzte Pucki. „Wo ihr hin geht, da will ich auch sein. Ihr gefallt mir, Kinder.“

Flymo gab diesen ganz speziellen Summton von sich, der verkündete, dass er gerührt war.

Puckilein, du machst uns auch Spaß,“ sagte ich. Ich fügte nicht hinzu, was mir durch den Kopf ging: und jede Menge Sorgen. Wir halfen den Girls zurück auf die Beine. Ich bekam einen Lachflash, denn Puckis Füße wedelten, behindert von ihrem Umfang, in der Luft herum, ohne den Boden berühren zu können. Ohne unsere Hilfe hätte sie glatt warten müssen, bis sie nur noch halb so rund war. Wir informierten uns auf einem öffentlichen Stadtplan, wo unser Hotel lag und beschlossen, dorthin zu laufen. Unterwegs kaufte ich mir ein Baguette und ein dickes Stück Käse und mampfte zufrieden im Laufen. Es fehlte nur noch eine Flasche Rotwein, aber ich beschloss, sie mir erst nach unserer Tour durch die Unterwelt zu gönnen. Flymo wollte im Hotel nach einem Imbiss fragen.

Im Hotel war der Wurm–Rezeptionist von einer Made abgelöst worden. Anscheinend befand sich das Hotel fest in segmentierten Händen. Sie schaute nur kurz hoch, als sie uns unseren Schlüssel reichte.

Flymo ging zuerst ins Zimmer.

Es war niemand hier,“ sagte er schnüffelnd.

Wer soll denn da gewesen sein?“ fragte Meiling.

Der Zimmerservice,“ antwortete ich schnell.

Pucki ließ sich auf eine Brettliege fallen, drehte sich zwei-, dreimal um sich selbst und rollte sich dann zusammen. Wir anderen taten es ihr, jeder auf seine Weise, nach. Ich putzte mir vorher noch die Zähne.

Der Pariser Abendhimmel weckte uns mit einem Sonnenuntergang, dessen glutroter Schein wie ein Brand ins Zimmer loderte. Ich konnte das Spektakel gemütlich von meinem Bett aus betrachten. Jetzt bereute ich es fast, dass wir diese unterirdische Tour machten. Oberirdisch hatte Paris bei Nacht bestimmt auch jede Menge zu bieten. Flymo kam aus dem Bad. Er war früher aufgestanden, und hatte sich im Hof herum getrieben und an den Mülltonnen herum gerüsselt. Sein Rüssel war feucht vom Wasser, mit dem er den Geruch abgewaschen hatte. Bevor wir gingen sagte Pucki: „Ich finde es ganz toll, dass ihr mich einfach so bei euch aufgenommen habt. Ihr habt bestimmt nicht viel Geld, und das gebt ihr, ohne was zu erwarten, für mich mit aus. Das ist nicht selbstverständlich. Ich hoffe, ich kann mich bald dafür revanchieren.“

Was folgte, war ein Freundschaftsbeweis. Er stellte sich mit durchgedrücktem Kreuz im Türrahmen auf. Wir wussten was wir zu tun hatten. Im Hinaus gehen wuschelten wir über das Fell an seinem Bauch. Er brummte jedes Mal zustimmend.


Das Meiling sich auf den Abend freute, hörte ich unterwegs an ihrem Gesang.

In den Katakomben von Paris,

ist das Leben noch einmal so süß.

Drum gib mir deine Hand,

wir geh'n ins Gruselland.“

Ich brauchte einen Moment, um ihr Lied als alten Schlager zu identifizieren, der im ursprünglichen Text von Mireille Mathieu stammte und das Leben in Paris besang. Ich war ein nimmermüder Born unnützen Wissens.

Wir fuhren mit der Métro zu unserem Treffpunkt. Während des Weltuntergangs waren große Teile der unterirdischen Tunnel eingestürzt. Fluten hatte ein übriges getan, die Böden und Wände über weite Teile aufzuweichen und wegzuspülen. Dies erwies sich nach der Katastrophe fast schon als Vorteil, denn so konnten notwendige Veränderungen geschaffen werden.

Da sich die Métro für Menschen und Insekten als günstiges Verkehrsmittel erwies, wurde mit vereinten Kräften Möglichkeiten erschaffen, die allen Beteiligten gerecht wurde. Der Untergrund bot dem berufstätigen Lebewesen nicht nur die Option eines schnellen Vehikels, nach der Arbeit konnte man, sozusagen auf dem Heimweg, Entspannung und Erholung finden. Restaurants für alle, Toiletten für alle, Amüsiermöglichkeiten für alle. Zugleich erfüllte der Subway die Aufgabe der Integration und Rassenverständigung. Auf so engem Raum wie in Paris konnte man sich den Ausbruch von Unruhen nicht leisten.

Unsere Métro kam und wir stiegen ein. Der Waggon bot Sitzmöglichkeiten für alle Arten. Pucki angelte sich einen der breiteren Sitze für Wespen und andere körperlich ausladendere Zeitgenossen, während Meiling glücklich auf ihrem Schmetterlingssitz herum rutschte: er hatte keine Rückenlehne, so dass sie ihre Flügel nicht einwickeln musste.

Vor dem Einlass zu den Katakomben am Place Denfer–Rochereau warteten bereits einige Leute. Ein älterer Herr kam auf uns zu und fragte: „Wahrscheinlich ist es überflüssig, aber haben Sie schon Billets für die Führung?“

Uns fehlt tatsächlich noch eine Karte,“ sagte ich, frohlockend.

Meine Frau ist erkrankt, ihr ist wohl das französiche Essen nicht bekommen, und da es da unten keine Möglichkeit gibt,...Sie verstehen schon.“

Wir können aber nur eine gebrauchen,“ warf ich ein.

So habe ich wenigstens die Hälfte los.“ Er zuckte mit den Schultern.

Ich gab ihm das Geld und er öffnete sein Jackett, um mir aus der Innentasche die Karte zu reichen. Er hatte eine wunderschöne Anstecknadel am Revers seines Hemdes, die ich allerdings nur kurz im Licht einer Straßenlaterne aufblitzen sah. Später sollte ich es bitter bereuen, nicht gleich geschaltet zu haben. Aber ich war so erfreut, eine Karte für Pucki ergattert zu haben, dass ich mir keine Gedanken darüber machte.

Die Leute standen herum und schwatzten und fingen schon mal an, sich gegenseitig zu begruseln. Das helle Schmatzen, das vom Boden herauf drang, störte da wenig. Ein sehr leises Klatschen wurde von der Menge ebenfalls missachtet. Schließlich ertönte eine Fistelstimme: „Ruhä. Ruhä jetzt. Appsollutte Ruhä.“

Ich drückte hinter meinem Ohr auf den Translatorchip, aber da hatte sich nichts verschoben. Da andere das Gleiche taten, musste es an der Stimme liegen.

Der Besitzer der Stimme war ein Regenwurm von sehr weißer Hautfarbe. Er war gerade mal sechzig Zentimeter groß und sah aus, als sei er nur halb mutiert oder müsste dringend mal gefüttert werden. Seine bleiche Haut schlabberte um seine dürren Segmente wie bei einem Kind, das den Anzug seines Vaters anprobiert hat. Um die fahle Stirn lief ein breites, blaues Gummiband, was dem farblosen Wurm das Aussehen eines Althippies verlieh. In der vorderen Mitte funkelte wie ein überdimensionales Juwel eine Grubenlampe. Seine weißen Händchen schienen untauglich, etwas anderes zu tun als Leute herum zu kommandieren. Das hohe Stimmchen passte zu seiner Erscheinung.

Ich bin für heute Abend ihr Führer!“ fistelte er. „Haben sie alle ihre Verzichtserklärung unterschrieben?“

Diese Erklärung malte in den schwärzesten Farben aus, was alles in den Tunneln passieren konnte. Mit der geleisteten Unterschrift verzichtete man auf jedwede Haftbarmachung, Regressforderung, Entschädigungsansprüche. Wir hatten uns beim Ausfüllen des Formulars halb tot gelacht. Es war ein guter Werbegag, die Leute schon von vornherein auf diese geschickte Art in Angst und Schrecken zu versetzen. Für Pucki hatten wir natürlich keinen Vordruck. Aber es fragte auch niemand danach. Die Leute legten ihre Zettel in eine Box, die am Eingang stand und dann schrie der Wurm bereits: „Wenn Sie mir dann folgen wollen!“ Und: „Achten Sie auf die Stufen!“

130 Stufen führten in die Tiefe. Etliche Besucher schnauften bereits nach der Hälfte heftig. Es gab elektrisches Licht in den Gängen, die für Publikum zu gelassen waren. Die anderen Gänge mit ihrer düsteren Ausstrahlung und dem muffigen Geruch wirkten wenig einladend – für Leute, die nicht so abenteuerlustig waren wie wir. Doch das hatten die Betreiber schon einkalkuliert, denn als Flymo sich in einen der finsteren Gänge schlich, ging das Licht eines Bewegungsmelders an.

Bleiben Sie bei der Gruppe! Verlassen Sie nicht den Weg!“ schrie der Wurm.

Flymo sah aus, als habe er in einem vollen Schwimmbad ins eingefärbte Wasser gepinkelt und stünde jetzt als einziger in einer grünen Lache herum.

Scheiße,“ murmelte er, „nix darf man.“

Wir kicherten schadenfroh.

In den Steinbrüchen konnte man sich kaum vorstellen, dass oben eine dicht besiedelte Zivilisation auf dem Untergrund eines Schweizer Käses gebaut war. Je tiefer wir in die Stollen vordrangen, desto spärlicher wurde die Beleuchtung. Zuerst hielten wir es für eine Effekthascherei, bis uns der Führer erklärte, es habe mit der Brandgefahr der elektrischen Leitungen zu tun. Das konnte man glauben oder auch nicht. Wir hatten keinen Feuerwehrmann in der Truppe, der uns eines besseren hätte belehren können.

Zusammen bleiben!“ quäckte unser Führer. „Wir passieren gleich das Portal zum Beinhaus!“

Er fing an, seine substanzarmen Händchen mit einem schwachen Klatschlaut zusammen zu schlagen. Ich fragte mich, was das sollte. Da wir hinter der Gruppe her trödelten, hörten wir etwas anderes als erste. Ein rhythmisches Stampfgeräusch in der Ferne, das rasch näher kam und lauter wurde.

Was ist das?“ fragte Meiling.

Ein Windstoß wehte uns ins Gesicht, als habe jemand einen Ventilator angedreht. Und dann sahen wir sie am Ende des langen Ganges, den wir gerade passiert hatten. Eine schwarz–gelbe Masse wogte im Eiltempo und nahezu im Gleichschritt auf uns zu. Ich stand starr vor Entsetzen. Dann bekam ich einen heftigen Schlag vor die Brust.

Wach auf, wir haben keine Zeit zum Träumen,“ schrie Flymo. Er schubste die Leute vor uns brutal zur Seite. Pucki hatte er an die Hand genommen und zerrte sie mit. Meiling und ich drängelten hinterher.

Da vorne ist sie,“ rief einer der Verfolger.

Ich drehte mich im Laufen um. Eine Menge Wespen hatte sich im Schacht verteilt und kamen als gelb–schwarze Wand auf uns zu.

Wir haben sie,“ rief ein anderer.

Drauf geschissen,“ hörte ich Flymo leise keuchen. Als er an der Spitze des Besuchertrupps angekommen war, krallte er sich unseren Führer, klemmte ihn unter den Arm, sprang über einen schön ziselierten, halb hohen Metallzaun, zog Pucki am Kragenfell darüber und verschwand im dunklen Gang, der dahinter lag. Ohne nachzudenken sprangen Meiling und ich hinterher. Ein scharfer Schmerz fuhr an meinem Schienbein entlang und machte mir klar, dass ich dieses Stück nicht mit Bravour gemeistert hatte. Ich rannte trotzdem weiter. Hinter uns kreischten die Lebewesen um ihr Leben, die Wespen plärrten Befehle und folgten uns und der Bleichwurm unter Flymos Arm quiekte sich die Seele aus dem Leib.

Bleib stehen! Lass mich runter! Hör auf!“

Flymo ließ Pucki los, packte den Wurm mit zwei Fäusten, schüttelte ihn, bis die Grubenlampe auf seinem Kopf klirrte und knurrte: „Wenn du noch einen Satz mit Ausrufezeichen sagst, beisse ich dir den Kopf ab.“