Mondfinsternis

Ein wunderschöner Abend am Rhein mit Blutmond. Zu einer Mondfinsternis kommt es nur bei Vollmond - wenn Sonne, Erde und Mond in einer Linie stehen. Der Mond taucht in den Schatten ein, den die von der Sonne angestrahlte Erde in den Weltraum wirft. Die totale Mondfinsternis war mit 103 Minuten die längste des gesamten 21. Jahrhunderts. Erst am 9. Juni 2123 wird es eine drei Minuten längere Mondfinsternis geben. Besonders spektakulär war der Nachthimmel, weil auch der Mars so hell und groß zu sehen war, wie seit 15 Jahren nicht mehr. Die ISS flog auch vorbei, aber die habe ich leider nicht gesehen.

Alles klar in Egypta! (2)

Unser Hotel gehört mit 230 Zimmern zu den kleineren Anlagen in Hurghada. Den sehnsüchtigen Blick meiner Begleitung, Frau L., beim Anblick der Super-duper-first-class Luxushütten ersticke ich im Keim mit dem Argument, dass mich das Personal dort niemals in meinen Nerdshirts in den Speisesaal lassen würde. Und dass ich in meinem wohlverdienten Urlaub keine Anstrengungen zu unternehmen gedenke, mich irgendwem oder irgendetwas anzupassen, schon gar nicht einem Ambiente, dass sich diametral konträr zu meinem Wohlfühlfaktor präsentiert.
„Hast ja recht“, sagt Frau L. mit einem winzigen Seufzer.
Sie wird schnell überzeugt, als uns die Belegschaft unseres unperfekten Urlaubsdomizils bereits nach drei Tagen kommentarlos Bier zum Dinner serviert. Und der Zimmerservice uns weitere kostenlose Wasserflaschen hinterlässt, als feststeht, dass uns die im Service inbegriffenen Getränke nicht reichen. Und der Barmann Frau L.’s Cappuccino zubereitet, sobald er von Ferne sieht, dass sie die Strandliege Richtung Bar verlässt. Grand Seas ist nicht in optima forma, dafür ist der Kuschelfaktor gigantisch.
Während in Deutschland der Winter mit Minusgraden noch einmal Fahrt aufnimmt, gammeln wir am Strand bei 25-28 Grad und hüpfen im 23 Grad warmen Meer herum. Störend sind nur die Strandverkäufer, die uns von Massagen, Pediküre und Schnorchelausflügen überzeugen wollen. Unaufgefordert fläzen sie sich am Fußende meiner Liege und bemühen sich sichtlich angestrengt, ihre Augen am Herumwandern zu hindern.
„Alles klar?“, grüßen sie und beantworten die Frage sogleich selbst: „Alles klar in Egypta!“
Mit einer roten Flagge, die wir auf Nachfrage vom Handtuchservice bekommen und weithin sichtbar in den Sand rammen, setzen wir den unliebsamen Besuchen ein Ende.
Beim Animationsteam erfreut sich Frau L. großer Beliebtheit, da sie fleißig die Yogastunden aufsucht und sich auch zu der ein oder anderen Stunde Bellydance, Bollywood oder Aquagymnastik überreden lässt. Das Einzige, was ich im Urlaub nicht benutzt haben werde, sind meine Ich-zeig-mal-guten-Willen-Sportklamotten. Trotzdem begleite ich Frau L. nur zu gerne, um dabei zuzusehen, wie Feriengäste aller Nationen jegliche Contenance und Schicklichkeit fallen lassen.
Rot geröstete Europäer, verzweifelt auf der Suche nach ihrer Mitte, drehen beim Bollywood nicht vorhandene Glühbirnen in unsichtbare Fassungen. Füße und Beine, Hände und Arme, an gegenläufige Koordination nicht gewöhnt, fuchteln in der Luft herum, als gelte es, die über uns kreisenden Möwen vom Himmel zu holen.
Zum Bauchtanz werden für die bebenden Wohlstandsbäuche kurzerhand zwei mit Münzen behängte Textildreiecke aneinander geknotet. Trotz des festgezurrten Stoffs, der markiert, welchen Körperteil es in Schwingung zu versetzen gilt, wollen weder isolierte Bewegungen noch das harmonische Zusammenspiel funktionieren. Die Groschen an den Tüchern hängen schlaff herab und unterlassen jegliches aufreizende Geklimper.
Nein, ich nehme mich keineswegs davon aus. Unbenutzte Sportsachen sind das Stichwort. Und als ich Frau L. meinen nagelneuen, baywatchroten Marilyn-Monroe-50er-Jahre-Schwimmdress präsentiere, sagt sie: „Ganz toller Bikini. Und die Beine reißen es wieder raus.“
Auf meine pikierte Frage, was denn die Beine wo rausreißen, schweigt Frau L. Sie lässt mich antwortlos stehen und winkt, ein wenig rotgesichtig, schon von Weitem dem Cappuccinomann.

Alles klar in Egypta!

 Der Flieger nach Ägypten startet um 20 Uhr, einchecken ist spätestens um 18 Uhr. Da Frankfurt mit dem Zug schon eine Ecke weg ist, starten wir um 16 Uhr. Alles ein bisschen knapp und mit der freundlichen Durchsage, dass die Bahn 35 Minuten Verspätung hat, wird es nicht besser.

Die Frau am Check-in verkündet uns, dass wir ja sooo viel Glück haben. Das Flugzeug sei wie immer überbucht, aber obwohl wir die Letzten in der Schlange sind, dürfen wir trotzdem noch mitfliegen. Ich bedanke mich bei ihr, dass ich die Reise, für die ich gutes Geld bezahlt habe, aufgrund ihrer unglaublichen Großzügigkeit auch tatsächlich antreten kann. Ihr professionelles Lächeln gefriert auf dem stark geschminkten Gesicht.

 

Die Airline heißt Small Planet und ist mir, genau wie der Name unserer Reisegesellschaft 5 vor 12 gänzlich unbekannt. Ein Hoch auf das Internet und seine Möglichkeiten.

Der Flieger ist winzig und die Namensaufschrift in bunten Farben lässt ihn erst recht wie ein Spielzeug wirken. Im Inneren findet eine Zeitreise statt, auf die mich niemand vorbereitet hat. Die Stewardessen tragen Faltenröcke und Blusen mit Mustern aus den 70ern. Der Polyesterstoff sieht aus, als könne er mich mittels bloßer Berührung durch den nachfolgenden elektrischen Schlag ohne Zwischenstopp nach Ägypten katapultieren. Keine Ahnung, wo sie die stark glänzenden Strumpfhosen aufgetrieben haben, die man hierzulande nur noch an Fastnacht für den Gardetanz verwendet.

 

Als ich der Flugbegleiterin bezüglich meines Platzes eine Frage stelle, weist sie mich darauf hin, dass in Flugzeugen grundsätzlich englisch gesprochen wird. Obwohl sie kaum größer ist als ich, wirkt ihr Blick, als schaue sie auf mich herab. Ihr Tonfall suggeriert professionell distanzierte Hochnäsigkeit. Lernt man das auf der Stewardessenschule? Das will ich ebenfalls können! Denn obgleich ich für gewöhnlich ein freundlicher Mensch bin, gibt es doch Situationen, wo ich gerne auf so eine Herablassung zurückgriffe.Um der Façon Genüge zu tun, wiederhole ich mein Ansinnen auf Englisch. Und um ganz sicher zu gehen auf Französisch und Spanisch und sehe vergnügt zu, wie auch hier die Fassade bröckelt.

 

Die Fluggesellschaften haben ein Frauenbild, das Mitte des letzten Jahrhunderts stecken geblieben zu sein scheint. Die Kleidung, Rock und Bluse, kann am positivsten mit adrett beschrieben werden, dazu übertriebenes Make-up und straff gezurrte Hochsteckfrisuren. Und, am schlimmsten, die Schuhe. Ausgeschnittene Pumps mit einer unbequemen Absatzhöhe von mindestens fünf Zentimetern und das bei einem Job, der ständiges Laufen erfordert. Dabei dürfen die Damen (das Wort Frauen kommt mir bei diesen Wesen erst gar nicht in den Sinn) ein bestimmtes Körpermaß und Gewicht nicht unter-, bzw. überschreiten. Das hat mit dem Anspruch an eine gewisse Optik zu tun, (wieso eigentlich? Eine Unproportionierte freundliche ist mir viel lieber als eine Perfekte arrogante), und damit, das wir uns in der Holzklasse befinden.

 

Die Gänge und Sitze sind so schmal, dass ich anfange, über meinen Hüftumfang nachzudenken, an den ich normalerweise keinen Gedanken verschwende. Davon abgelenkt werde ich von meinen Knien. Sie verschwinden im Polster der Reihe vor mir und erklären die zwei unbequemen Hubbel, die sich in meinen Rücken drücken.

Ich entsage einem Campari-Orange, mit dem ich mich sonst gerne auf den Urlaub einstimme. An Bord kostet nicht nur der Alkohol Geld. Ich bin froh, dass ich für Atemluft, Toilette und das zur Verfügung Stellen einer Schwimmweste nicht noch zusätzlich zur Kasse gebeten werde.

 

Wieso ist man bereit, auf jeglichen Bordservice und Komfort getrost zu verzichten, während an allen anderen Relikten aus der Vergangenheit eisern festgehalten wird?